LeseTipp: Uwe TIMM, Die Entdeckung der Currywurst.

Hamburg/Roman/

 Uwe TIMM: Die Entdeckung der Currywurst. Uwe TIMM: Die Entdeckung der Currywurst.
(zuerst 1993), 221 S, ISBN: 978-3-423-19127-2
dtv 12839
München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2011

Bewertung
Bewertung: 5 Sterne

Rezension

War Lena Brücker die Erfinderin der Currywurst?
Die Currywurst ist ab dem "Weißwurst-Äquator" Bayerns praktisch unbekannt, und die Frage, wer sie nun wohl erfunden hat, erscheint hier müßig. Uwe Timm benützt diese Frage als Aufhänger für sein Bild Hamburgs im April 1945, kurz vor und nach der Kapitulation.
Lena Brücker betrieb eine Imbissbude am Hamburger Großneumarkt, bei der der Erzähler so manche Currywurst verzehrte. Inzwischen in eine andere Stadt verzogen, begibt er sich bei einem Hamburg-Besuch auf die Spuren seiner Kindheit und muß feststellen, daß die Imbissbude verschwunden ist. Er findet die ehemalige Besitzerin in einem Altersheim, und sie erzählt ihm über einige Nachmittage hinweg, wie sie zur Currywurst kam.
Im April 1945, die englischen Truppen stehen schon an der Elbe, wird ein letztes Aufgebot von alten Männern, Kindern, Verwundeten und hängengebliebenen Soldaten zusammengestellt, das Hamburg als Festung bis zur letzten Patrone verteidigen soll. Der Bootsmann Bremer, auf dem Weg nach Oslo zum Stab des Admirals, wo er der Leiter der Seekartenkammer war, wird zu diesem Aufgebot abkommandiert. Am Abend vor seinem Einsatz lernt er zufällig im Kino Lena Brücker kennen - eine etwa 40-jährige Frau, verheiratet, Mutter zweier Kinder. Der Mann ist in russischer Gefangenschaft, die Kinder irgendwo in Deutschland im Einsatz. Sie bietet Bremer an, bei ihr zu bleiben und ihn zu verstecken. Bremer nimmt an und ist nun ein Desserteur. Lena erlebt mit ihm noch einmal einen Frühling der Leidenschaft. Um ihn länger bei sich zu behalten, verschweigt sie ihm die Kapitulation Hamburgs und später des Deutschen Reichs und lässt Bremer glauben, die Wehrmacht kämpfe nun an der Seite der Engländer und Amerikaner gegen die Russen. Diese Vorstellung gefällt Bremer, und in einem Atlas zeichnet er den fiktiven Frontverlauf ein. Er hofft, bals selbst am Kampf gegen den Bolschewismus teilnehmen zu können - und wie so viele Deutsche hat er aus der Naziherrschaft nichts gelernt. Nach einigen Wochen bemerkt er jedoch, daß der Krieg zu Ende ist, und verschwindet einfach.
Für Lena ist damit der letzte Frühling ihres Lebens zu Ende. Ihr Sohn und ihr Mann kommen zurück. Aber nach einiger Zeit spürt sie, daß sie mit dem Mann - einem Charmeur, Frauenhelden und Kleinkriminellen - nicht mehr leben will, und wirft ihn hinaus. Da sie auch ihre Arbeit in einer Lebensmittel-Versorgungsstelle verloren hat, steht sie vor der Notwendigkeit, eine Existenzgrundlage für Sohn und Enkelsohn zu schaffen. Zufällig kann sie die Imbissbude am Großneumarkt übernehmen, und mit mehreren komplizierten Tauschaktionen am Schwarzmarkt gelingt es ihr, die Lebensmittel dafür zu bekommen. Und weil ihr Bremer einmal von seinem Erlebnis mit einem Currygericht erzählt hat, nimmt sie in dem Tauschhandel eine Dose Currypulver anstelle von Schweinehälften. Aber der Curry schmeckt ihr nicht, und am Rande der Verzweiflung beginnt sie, dem Currypulver Ketchup, Gewürze und Kräuterpulver beizumischen - und erfindet so die Currywurst. Und diese wird sie dreißig Jahre lang in ihrer Imbissbude verkaufen.
Fazit: Uwe Timm nimmt die Entdeckung der Currywurst als Vehikel für seine Auseinandersetzung mit Deutschland und den Deutschen zur Zeit des Untergangs von Nazideutschland und seines Aufstiegs aus den Trümmern. Er schildert den Widerstand im Kleinen, die Angepassten, die Mitläufer, die Überzeugten - die für das neue Deutschland ebenso überzeugt eintreten wie zuvor für Hitler -, die Denunzianten, die Gewinner und Verlierer. An Lena zeigt er, wie viele einfach weggeschaut haben, als die jüdischen Nachbarn abttransportiert wurden, und einfach nicht mehr wissen wollten. Und er malt das Glück einer Frau, die noch einmal - und vielleicht ihren einzigen - Frühling erleben durfte, voll Leben und Leidenschaft, als sie mit Bremer auf ihrer "Matratzeninsel" dahintreiben durfte. Vielleicht hat sie daraus die Kraft bezogen, ihr Leben danach zu grestalten und zu meistern. Ein eindringlich erzähltes Lebens- und Sittenbild!

Man muß Nein sagen können, sagte Frau Brücker: wie der Hugo. Der ist mutig. Wickelt die Alten auf der Pflegestation. Hab viel falsch gemacht. Und oft weggesehen. Aber dann hatte ich ne Chance, ganz zum Schluß. Is vielleicht das Beste, was ich gemacht hab, einen verstecken, damit er nicht totgeschossen wird und auch andere nicht totschießen kann. Was danach kam, das hatte damit zu tun, daß alles so schnell vergangen ist. Verstehste? Nein, ich verstand nicht, sagte aber ja, damit sie weitererzähle.

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