LeseTipp: Gunnar STAALESEN, Von Angesicht zu Angesicht.

Norwegen/Krimi/

 Gunnar STAALESEN: Von Angesicht zu Angesicht. Gunnar STAALESEN: Von Angesicht zu Angesicht.
(Ansikt til ansikt., 2004)
, ISBN: 978-3-596-16806-4
Frankfurt: Fischer TB-Verlag, 2006

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Linke Träume.
Eine Gruppe von Studentinnen und Studenten erwirbt gemeinsam in den 1970er-Jahren ein Haus in Bergen. Einige sind Kader der marxistisch-leninistischen Partei Norwegens, andere Sympathisanten oder einfach nur Mitbewohner. Als Hildegunn in das Haus einzieht, geraten die Dinge aus dem Lot. Denn sie hat mit allen Männern ein Verhältnis.
Einer von ihnen ist der Lehrer Erlend Ekerhovd, und er sitzt tot in Varg Veums Wartezimmer, ohne daß er Veum noch sagen konnte, was er von ihm wollte. Seine Frau beauftragt Veum, der Sache nachzugehen, denn ein Ereignis vor vierzehn Jahren hat ihn immer wieder bewegt und vielleicht etwas mit seinem Tod zu tun. Hildegunn war ins Wasser gegangen, ihre Leiche wurde jedoch niemals gefunden. Und Erlend glaubt nicht so recht an eine Selbsttötung.
Die Schwester einer Mitbewohnerin versteckte einen IRA-Mann in ihrer Wohnung. Doch er wurde entdeckt, an Großbritannien ausgeliefert und starb im Gefängnis. Es kam der Verdacht auf, daß es in der Gruppe einen Maulwurf gab. Waren der Tod von Hildegunn und Erlend eine späte Rache? Stehen sie in einem Zusammenhang?
Nach dem Zerfall der Komune brach auch der Kontakt zwischen den Mitgliedern ab. Sie ergriffen bürgerliche Berufe und wollen mit der Vergangenheit nichts mehr zu tun haben. Aber als noch ein Gruppenmitglied ermordet wird, der der Maulwurf gewwesen sein könnte, holt sie die Vergangenheit ein. Veum glaubt, daß die dre Morde und das Verschwinden von Hildegunn zusammenhängen. Und er meint, einen politischen Hintergrund zu sehen, wodurch auch andere in Gefahr sein könnten. Veum stochert in der Vergangenheit herum, bis er fast zu spät erkennt, daß alles ganz anders ist.
Fazit: Gunnar Staalesen spannt einen weiten Bogen vom linken Studentenmillieu der 1970er-Jahre bis in die Gegenwart. Man predigte die freie Liebe, aber in der Realität funktionierte das doch nicht so ganz. Man hat es sich eingerichtet in der bürgerlichen Welt. An die Träume der Vergangenheit will man nicht mehr erinnert werden, und wenn doch, tut man sie als jugendlichen Irrtum ab. Varg Veum stochert in dieser Vergangenheit, aber was er ans Licht bringt, sind wieder nur die bürgerlichen Abgründe. Norwegen aus einer anderen Perspektive.

Auf einen Weise erkannte ich diese Gesichter wieder. Ich war ihnen selbst begegnet, in meiner Zeit beim Jugendamt. Ob in Oslo oder in Bergen spielte keine Rolle. Sie waren alle vom selben Schlag, die Heimatlosen und Verlassenen, um die sich nie jemand ausreichend gekümmert hatte, und denen niemals genug Liebe zuteil werden konnte. - War es verwunderlich, dass sie als Erwachsenen, egal wo sie hinkamen, nach Liebe suchten?

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