LeseTipp: Kristín STEINSDÓTTIR, Im Schatten des Vogels.

Roman / Island

 Kristín STEINSDÓTTIR: Im Schatten des Vogels. Kristín STEINSDÓTTIR: Im Schatten des Vogels.   Neu 
(Ljósa., 2010)
251 S., ISBN: 978-3-406-62174-1
München: C.H. Beck, 2011

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Innenansicht des Lebens einer psychisch kranken Frau in Island an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.
Pálina Jónsdóttir, genannt Engel, spürt seit ihrer frühen Kindheit die Angst wie einen Vogel in ihrer Brust. Ein Vogel, der sie manchmal beschützt und bewahrt vor den Widrigkeiten des Alltags, der selten fortgeflogen zu sein scheint, der sich in ihr regt, wenn sie wieder die Angst packt.
Nur wird nie klar, woher diese Angst kommt. Der Vater liebt sie, mit den Geschwistern kommt sie gut aus, nur die Mutter ist kühl und unnahbar. Sind es die sexuellen Abenteuer, die der Vater mit den Mägden am Hof zu haben scheint, und die ihre Mutter belasten? Jedenfalls wird Pálina zeit ihres Lebens einen Hass auf Mägde haben und keine auf ihrem eigenen Hof dulden, obwohl sie den Anforderungen nicht gewachsen ist.
Ist es die Enge des Hoflebens in den Sandergebieten des Ostens, die sie belastet und vor der ihr Bruder Ingi eines Tages flieht und verloren geht? Oder ist es die Liebe zu Svein, der lungenkrank ist, sie daher nicht heiraten darf, sich aber - trotz seines gegenteiligen Versprechens - nicht für sie und diese Liebe einsetzt, sondern auch aus ihrem Leben verschwindet?
Auch ihr Aufenthalt an der Mädchenschule in Reikjavik, wo sie schneidern und stricken lernt und ihr eine Stelle als Lehrerin in Aussicht gestellt wird, kann ihr die Angst nicht nehmen - die Stadt bleibt ihr unbegreifbar. Selbst die Heirat mit Vigfús, durch die sie Svein zu überwinden hofft, die sechs Kinder, die sie in die Welt setzt, der eigene Hof, die Behandlung in der Stadt, die Medikamente - nichts kann ihre Angst besiegen, die sie lähmt und ins Bett zwingt, als letzten Ort der Zuflucht.
Fazit: Der Roman von Kristín Steinsdóttir ist teilweise anstregend zu lesen. Die Welt aus der Innensicht der psychisch kranken Pálina, die Schübe, in denen die Krankheit verläuft, führen vor allem im letzten Drittel zu einer Art Endlosschleife aus Tränen. Erschöpfung, Aufbegehren und scheinbarer Normalität. Vielleicht ist es aber auch eine Metapher auf die enge, von Zerfall bedrohte und vor einer ungewissen Modernität stehende isländische Gesellschaft. Oder es ist eine Auseinandersetzung mit der sich wandelnden Rolle der isländischen Frau, die zwischen notwendiger Stärke und Unterwerfung, zwischen eigenen, nicht formulierbaren Wünschen, und der Pflichterfüllung, dem Entsprechen der Erwartungen, zerrieben wird. Jedenfalls eine Auseinandersetzung, der man sich stellen sollte.

Papa und Mutter schlafen ganz hinten links in der Stube. Ein kleiner Bruder hat bei ihnen geschlafen. Er lebte nur kurz, und bevor er starb, hat Papa ihn mit einer Nottaufe getauft. Er bekam den Namen Pálmar. Mutter befürchtet, dass Gott der Allmächtige nicht zufrieden ist, weil es Papa war, der ihn getauft hat. Großmutter sagt, dass alles in beste Ordnung komme und Großvater bis in alle Ewigkeit auf Pálmar aufpassen werde.
Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Großvater war fast blind, als er starb, und konnte nicht einmal auf sich selbst aufpassen. Wie soll er da auf Pálmar aufpassen? Großmutter sagt, dass Großvater im Himmel sofort neues Augenlicht bekommen habe. Ich sehe einen Engel vor mir, der in der Tür zum Himmel steht und allen Blinden beim Eintreten neue Augen in die Höhlen drückt. Hoffentlich blendet es Großvater jetzt nicht, mit den neuen Augen.

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