LeseTipp: Christian von DITFURTH, Mann ohne Makel.

Hamburg/Krimi/

 Christian von DITFURTH: Mann ohne Makel. Stachelmanns erster Fall. Christian von DITFURTH: Mann ohne Makel. Stachelmanns erster Fall.
(zuerst 2002), 378 S, ISBN: 978-3-462-03389-2
KiWi 826
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2004

Bewertung
Bewertung: 4 Sterne

Rezension

Dr. Josef Maria Stachelmann ist Historiker an der Universität Hamburg. Nach Abschluß seines Studiums wurde ihm eine glänzende Karriere vorausgesagt, doch seine Habilitation will nicht werden. Die "Berge der Schande" türmen sich auf seinem Schreibtisch, aber es bleibt totes Material.
Eines Tages meldet sich sein früherer Kommilitone Ossi Winter, mittlerweile Kriminalbeamter in Hamburg. Er muß die Morde an Frau und Kindern des angesehen Hamburger Immobilienmarklers Holler aufklären. Holler ist ein Mann ohne sichtbaren Makel, spendet für wohltätige Einrichtungen, ohne damit auffallen zu wollen. Winter meint, daß es bei dem Fall vielleicht eine Spur in die Vergangenheit gäbe, und bittet Jossi (der Spitzname, den Stachelmann nicht mehr mag) um Unterstützung.
Stachelmann ist zunächst wenig begeistert, aber als der Polizeipräsident ihn aus den Ermittlungen wirft, erwacht sein Interesse. Und tatsächlich führt eine Spur in die NS-Vergangenheit der Beteiligten. Denn Hollers Vater war einer von denen, die von den Arisierungen profitierten. Aber was hat der Sohn damit zu tun?
Der Roman ist geschickt konstruiert, der Leser ist Stachelmann immer um einen Schritt voraus, ohne daß darunter die Spannung leiden würde. Denn die Enthüllungen erfolgen in kleinen Schritten. Verhandelt wird auch ein grundlegendes Problem der deutschen Geschichte: die Frage nach der Mitschuld des Einzelnen an den Taten des NS-Regimes, ob man das Mitmachen nicht hätte verweigern können. "Dann hätte es ein Anderer gemacht", meint Stachelmanns Vater, der als Hilfspolizist eigesetzt war. Aber wenn jeder sich verweigert hätte?
Fazit: Ein intelligenter Kriminalroman, bei dem die Ursache der Taten tief in der deutschen Vergangenheit liegt. Der Autor hat mit dem etwas linkischen und unentschlossenen Stachelmann eine interessante Figur gschaffen.

"Es hat mich gequält, in Hamburg zu sein. Alles tot, die Stadt zerstört, und die Nazis fast schon wieder obenauf. ... Die Polizisten, die meine Leute zu den Zügen in den Osten gebracht haben, saßen in den Revieren. Die Finanzbeamten, die uns ausgeplündert hatten, erhoben weiter Steuern. Die Blockwarte, die die Leute bespitzelt haben, waren stinknormale Bürger. Die Staatsanwälte und Richter, die unsereinen wegen Rassenschande in die Zuchthäuser schickten, wenn uns ein braver Arier verpfiffen hat, die waren nun die Hüter des Rechtsstaats. Die Universitätsprofessoren, die die Überlegenheit der nordischen Rasse bewiesen, hielten Vorlesungen. Und die Aasgeier, die unsere Not ausnutzten, die uns unser Eigentum für ein Taschengeld oder gar nichts abnahmen, verwandelten sich in die Kapitäne des Wirtschaftswunders."

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