LeseTipp: René BURRI, Die Deutschen.

Fotografen/René Burri/Bildband/

 René BURRI: Die Deutschen. Photographien 1957 - 1964. René BURRI: Die Deutschen. Photographien 1957 - 1964.
111 S, ISBN: 3-88814-988-6
München-Paris-London: Schirmer-Mosel, 1986

Bewertung
Bewertung: 3 Sterne

Rezension

Als René Burri 1962 die erste Fassung dieses Buches publizierte, waren weder er noch die Idee des Fotobuches etabliert genug, um für sich allein bestehen zu können. So wurde das Buch geteilt: die eine Häfte nehmen Texte von Hans Magnus Enzensberger ein, die andere Hälfte die Fotografien von René Burri. Der Erfolg war enden wollend, die Fotografie war noch weit davon entfernt, als eigenständige künstlerische Ausdrucksform anerkannt zu werden. Eine professionelle, kompetente Fotokritik existierte in den 1960er-Jahren schlichtweg noch nicht. Kein Wunder, daß das Buch bald für ein paar Mark verramscht wurde.
Burri fand in den Deutschen und in Deutschland "die Weite im Verwandten". Sein Schweizer Pass machte es ihm möglich, nach West wie nach Ost zu reisen, beide Seiten des geteilten Landes zu sehen.
"Deutschland war damals einfach der Ort, wo sich nach dem Krieg gewisse Schnittlinien sehr dramatisch aufzeigten. Und das gab für mich den Ausschlag, nicht ein Buch über Frankreich oder Italien oder sonst etwas Angenehmeres zu machen, sondern an den Ort zu gehen, wo gewisse Kontraste aufeinanderstießen." (René Burri, Leica-World, 1997)
Es war damals wahrscheinlich eines der letzten Bücher, die Deutschland noch einmal vereinten - wenn auch nur im Bild. Und man sieht, wie ähnlich die beiden Teile einander noch waren. Denn ohne die Bildunterschrift ließe sich meistens nicht sagen, ob das Bild im Osten oder im Westen aufgenommen wurde.
Es sind vor allem Bilder aus dem Alltag, die René Burri aufgenommen hat. Etwa die Nr. 10, "Tauentzienstraße, Berlin/West, 1959", wo noch die Einschußlöcher aus dem Krieg an der Hauswand zu sehen sind. Burris Fähigkeit zur Doppeldeutigkeit seiner Bilder blitzt manchmal schon durch, etwa bei Nr. 19 ("Maschinen-Ausstellung, Berlin/Ost, 1959"), wo Banner an einer Ruine die Vorteile des Sozialismus gegenüber dem Imperialismus thematisieren. Sein formal-geometrisch geschulter Blick zeigt sich in Bild Nr. 28 ("Kurfürstendamm, Berlin/West"), das seine großartigen Aufnahmen von Brasilia vorwegzunehmen scheint.
René Burri hat sein Projekt "Die Deutschen" über viele Jahrzehnte hinweg verfolgt. Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung konnte er das Projekt beenden und die beiden Hälften zusammenführen. Die 1999 erschienene 3. Auflage gibt davon Zeugnis (lag hier aber leider nicht vor).
Drucktechnisch sind die 88 Abbildungen gut wiedergegeben, die Grautöne sind ausreichend differenziert. Die schwarz-weiß-Fotos sind auf der rechten Buchseite abgebildet, links steht die knappe Bildunterschrift.
Fazit: Zumindest in dieser Auflage hat René Burri seine fotografische Höhe noch nicht erreicht, seine Fähigkeiten blitzen erst durch.

Für den postmodernen Voyeur ist die Photographie ein Genußmittel, eine Droge. Ihr Schwarzweiß lädt zu Zeitreisen ein, die unverbindlich sind und leichte Beute versprechen. Das Silberbromid wird zum Halluzinogen, der Effekt des Duotone zum Trip, die Valeurs des Tiefdrucks zur hypnotischen Versuchung. Die ästhetischen Wirkungen ebnen die Geschichte ein. Sie verschlucken sogar die Politik. (Hans Magnus Enzensberger, Postskriptum)

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