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Ausstellung: Henri Cartier-Bresson - The Decisive Moment. Photographs 1930 - 1970, Wien
Henri Cartier-Bresson, Wien

Henri Cartier-Bresson - The Decisive Moment. Photographs 1930 - 1970
Galerie Johannes Faber
Dorotheergasse 12, 1010 Wien, Tel. +43 (0)1 5128432
[08. Juni 2012 bis 08. September 2012] | beendetWebseite Ausstellung
Webseite Veranstalter
Porträt Henri Cartier-Bresson
Themenkontext: Fotojournalismus
Henri Cartier-Bresson hat die Fotografie mit seinem ganz persönlichen Stil geprägt
Henri Cartier-Bresson (1908-2004), Ästhet, Intellektueller und Kosmopolit, hat nicht nur den Fotojournalismus der vergangenen Jahrzehnte mit seinem ganz persönlichen Stil und Ethos geprägt, sondern die Fotografie insgesamt. Er verband dabei Form und Inhalt in einer Weise, die es heute undenkbar erscheinen lässt, die Welt des Sichtbaren anders zu sehen, zu reflektieren und wiederzugeben, als er es ein halbes Jahrhundert lang tat.
- Henri Cartier-Bresson ( French, 1908-2004), Girls and Soldiers, New York 1947
Gelatin silver print, 16,2x21,2cm
Foto © Courtesy Galerie Johannes Faber

Nach seinem Studium der Malerei wandte sich Henri Cartier-Bresson ab 1930 verstärkt der Fotografie zu und entwickelte seinen unverwechselbaren Stil. Wie keinem anderen gelang es ihm, mit seiner Kamera den „entscheidenden Augenblick” festzuhalten. Oft verdichten sich in seinen Arbeiten ganze Geschichten zu einem einzigen Bild. Zusammen mit befreundeten Fotografen wie Robert Capa, David Seymour und George Rodger gründete er 1947 die Agentur Magnum, die eine Blütezeit des Bildjournalismus einläutete und heute noch die Rechte der Fotografen an ihren Bildern vertritt.
Ab 1973, auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, gab Henri Cartier-Bresson die Fotografie auf und griff nur noch selten zur Kamera. Er kehrte zu seinen Wurzeln zurück und widmete sich wieder dem Zeichnen, vor allem von Landschaften. Er selbst sah darin nur einen Wechsel des „Handwerks”, denn es geschah mit demselben Blick und dem Gespür für Formen und Geometrie. Das Fotografieren war für ihn eine unmittelbare Tat, das Zeichnen bedeutete jedoch eine Art von Meditation.
AusstellungsTipp Henri Cartier-Bresson, Aachen Porträt Henri Cartier-Bresson
LeseTipps Henri Cartier-Bresson
Pierre ASSOULINE: Henri Cartier-Bresson. (2003)
Henri CARTIER-BRESSON: Sowjetunion. (1973)
Henri CARTIER-BRESSON: Amerika: Photo-Skizzen. (1996)
Henri CARTIER-BRESSON: Henri Cartier-Bresson, Meisterwerke. (2004)
Clement CHÉROUX: Henri Cartier-Bresson - Der Schnappschuss und sein Meister. (2008)
FONDATION HENRI CARTIER-BRESSON (Hg): Wer sind Sie, Henri Cartier-Bresson?. (2003)
Pierre ASSOULINE: Henri Cartier-Bresson. Das Auge des Jahrhunderts.
(Henri Cartier-Bresson. L'oeil du siècle., 1999), 367 S
Göttingen: Steidl, 2003. ISBN: 3-88243-939-4
Henri Cartier-Bresson, geboren 1908, wollte Maler werden und wurde einer der bedeutendsten Fotografen des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Mann des "entscheidenden Augenblicks" erzählte Geschichten in Bildern. Als Reporter reiste er um den Globus und fand sich an den Brennpunkten der Weltgeschichte wieder: im Spanischen Bürgerkrieg, in Gandhis Indien, im China des jungen Mao. Drei Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft hatten Cartier-Bressons Sichtweise tief geprägt. 1947 war er Gründungsmitglied der Fotografenagentur Magnum. Mit sechzig Jahren hörte ganz auf zu fotografieren, um sich wieder dem Malen und Zeichnen zu widmen.
Cartier-Bressons Leben ist eine Schule des Ungehorsams. Pierre Assouline hat es mit Leidenschaft und Verve aufgezeichnet. Er forscht nach seinen familiären und künstlerischen Wurzeln, folgt ihm an die vielen Stationen seines rastlosen Lebens. So ist das facettenreiche Porträt eines Mannes entstanden, der unsere Anschauung von der Welt mitgeprägt hat und der als Mensch stets hinter seinen Schöpfungen verborgen blieb. [Klappentext]
Der Autor schöpft sein Wissen über HCB, wie er oft genannt wird, aus zahlreichen persönlichen Begegnungen und Gesprächen. HCB unterstützte ihn, obwohl er um die Biografie wußte und diese eigentlich ablehnte, indirekt.
Henri Catrtier, wie er sich selbst in den 1930er-Jahren nannte, um seine Herkunft aus einer Industriellenfamilie zu verschleiern, wollte eigentlich Maler werden und studierte bei Andre Lothe. Dort wurde er an der Geometrie geschult und lernte, den richtigen Blickwinkel zu erkennen. Die Geometrie mit dem instinktiv erfaßten entscheidenden Augenblick zusammenzubringen und festzuhalten macht die Bedeutung seines fotografischen Werkes aus.
HCB war ein vielschichtiger, breit interessierter Mensch, der stets hinter seine Bilder zurücktrat, sich selbst nicht fotografieren lassen und seine Bilder nicht erklären wollte. Die Kamera immer mit sich führend, damit er jederzeit den entscheidenden Augenblick einfangen könnte, wollte er unsichtbar bleiben, nicht wahrgenommen werden, verborgen bleiben in seiner ständigen Jagd.
Assouline ist ein Freund und Bewunderer Cartiers, daher ist die Biografie auch nicht besonders kritisch ausgefallen. Er versucht, den Menschen hinter dem Fotografen zu erfassen, und ist damit durchaus erfolgreich. Und er nähert sich ihm akribisch, listet die Freunde, Bekannten und Weggefährten ebenso genau auf wie die zahlreichen Orte, an denen HCB kürzere oder längere Zeit verbrachte. Denn dieser war kein Reisender, sondern wollte immer länger an eine Ort verweilen, um ihn zu erfassen.
Fazit: eine sehr materialreiche Biografie von hohem Informationswert, aber immer flüssig und unterhaltsam geschrieben.
Seit ich mich damals von ihm verabschiedete, wußte ich, daß ich ihm außer einem Artikel eines Tages ein Buch widmen würde. Und zwar nicht nur dem größten lebenden Fotografen, dem wieder auferstandenen Zeichner, dem weitgereisten Reporter, dem unerschrockenen Abenteurer, dem Reisenden aus einer anderen Zeit, dem bedeutenden Zeitgenossen, dem rastlos Fliehenden, dem zanghaften Geometer, dem zornigen Buddhisten, dem puritanischen Anarchisten, dem nicht abtrünnigen Surrealisten, dem Symbol für das Jahrhundert des Bildes, dem Auge, das zuhört, sondern vor allem dem Menschen hinter ihnen, der sie alle vereint, einem Franzosen in seinem Jahrhundert.
Henri CARTIER-BRESSON: Sowjetunion. Photographische Notizen.
[180] S
München-Luzern: Bucher, 1973. ISBN: 3-7658-0189-5
Henri Cartier-Bresson, der nach neunzehn Jahren Unterbrechung wiederum die Sowjetunion bereiste, konnte für seine Arbeit nicht nur mit der Unterstützung offizieller Stellen rechnen. Sein Name als großer Photograph, dem alles Menschliche so viel zu sagen hat, öffnete ihm manche Zugänge und Regionen, die einer weniger geachteten Photographen-Persönlichkeit verschlossen sein mußten. Die Unbestechlichkeit seines photographischen Sehens, gepaart mit echter, unsentimentaler Anteilnahme, prädestinierten den «Meister des unwiederbringlichen Augenblicks» zu diesem großangelegten Bildbericht. Seine Photographischen Notizen sind Ansichten, Einblicke und menschliche Begegnungen, die, scheinbar lose aneinandergereiht, uns Mensch, Natur, Werktätigkeit, Fortschritt und Festlichkeiten in Leningrad, Moskau, in der Russischen Sowjetrepublik, im Baltikum, im Kaukasus und in Zentralasien ungeschminkt, unmittelbar und ohne den überflüssigen Ballast einer womöglich mißverständlichen Interpretation zeigen. Cartier-Bressons photographische Impressionen können gut auf einen Begleittext verzichten: Was er als mitteilenswert hält, steckt er in die knappen Bildlegenden, denen er Zahlen und Daten beifügt, wo sie als Information wichtig sind. Das Auge des Meisters ist hellsichtig wie eh und je geblieben, das unmittelbare Erfassen des Wesentlichen einer Situation oder einer Persönlichkeit bewunderswert, ob er nun «Heldenverehrung» am Generalswaffenrock notiert oder einen Schönheitssalon ä l'americaine in Moskau entdeckt. Es ist erstaunlich und erfreulich in stärkstem Maße, daß er sich immer wieder dem Menschen zuwendet, seinem Tun, seiner Art, sich zu geben, seiner Art, zu leben. Kein Bild, das nur die Massen zeigte, höchstens das Kollektiv, und das aus einer mittleren optischen und menschlichen Distanz, die wohltuend wirkt. [Klappentext]
Die 141 Aufnahmen des Bildbandes sind nummeriert und geografisch angeordnet: Leningrad - Moskau - Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik - Estland - Kaukasus - Zentralasien. Die Bildlegenden sind am Ende des Buches in einer Übersicht zusammengefasst. Leider gibt es kein Aufnahmedatum, sodaß nicht festgestellt werden kann, von welcher Reise die Bilder stammen.
Der Druck auf mattem, dickerem Papier und die Wiedergabe der Fotos ist gut.
Henri Cartier-Bresson zeigt Alltagsszenen: manchmal die Tristesse der Lebensbedingungen (wie zB. Bild 50 - "Tuchino: ein Quartier im Umbruch. Bald werden hier neue Wohnblöcke errichtet werden" oder 68 - "In der Nähe von Irkutsk"); manchmal Lebensfreude und Ausgelassenheit (zB. 56 - "Kamaz (Autonome Tartarenrepublik). Schichtwechsel" oder 120 - "Armenien: Eriwan. Spontane Begrüßung durch Aserbeidschaner"). Viele Bilder stammen aus der Arbeitswelt, aus Fabriken, Geschäften und Büros, andere entstanden bei Museumsbesuchen. Sehr selten sieht man auf den Bildern Menschen lachen oder mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck. In den ernsten Gesichtern spiegelt sich eine gewisse Anspannung - oder auch ein Verbergen der wahren Gefühle und Gedanken.
Fazit: Nicht-offizielle und -Propagandafotos aus dem Alltag der Sowjetunion hatten damals Seltenheitswert. Henri Cartier-Bresson gibt einen guten Einblick in diese Welt.
Ich bin weder Journalist noch Volkswirtschaftler noch ein Photograph von Denkmälern und Sehenswürdigkeiten. Was ich zu sein versuche: ein aufmerksamer Beobachter des menschlichen Lebens. Neunzehn Jahre nach einem ersten Aufenthalt wollte ich die Sowjetunion wiedersehen. Tatsächlich erhellt nichts so sehr den Charakter eines Landes wie die Möglichkeit, nach einer gewissen Spanne das Vergangene mit dem Heutigen zu vergleichen, Veränderungen festzustellen, den Weg seiner Entwicklung aufzuspüren. (Henri Cartier-Bresson, Vorwort)
Henri CARTIER-BRESSON: Amerika: Photo-Skizzen. Mit einem Vorwort von Arthur Miller und einem Essay von Gilles Mora.
(zuerst 1991), 149 S
München-Paris-London: Schirmer-Mosel, 1996. ISBN: 3-88814-828-6
Amerika, mit den Augen von Henri Cartier-Bresson, dem weltreisenden Europäer, dem Begründer des modernen Photojournalismus, gesehen - das muß zwangsläufig zu anderen Bildern, zu einem anderen Amerika-Bild führen, als wir es von seinen amerikanischen Zeitgenossen, etwa Ansel Adams, Paul Strand oder Walker Evans her kennen. Es sind weder die Weiten der grandiosen amerikanischen Landschaft noch die Relikte eines "anderen", zum Aussterben verurteilten Amerika, die Cartier-Bresson mit der Kamera festhielt. Ihn interessierten, hier wie überall, die Menschen in den Straßen und Häusern der großen Städte, die unauffälligen und die lauten Äußerungen von Leben, die kleinen Ereignisse des Alltags und die großen auf den Bühnen der Öffentlichkeit, die deshalb nicht weniger flüchtig sind.
1935 war Henri Cartier-Bresson, der 1908 in Chanteloup geboren wurde und vor fast zwanzig Jahren die Leica aus der Hand legte, um nur noch zu zeichnen und zu malen, zum erstenmal in den USA. Seitdem kam er immer wieder "mal vorbei", blieb selten länger als ein paar Wochen oder Monate - genug Zeit, um beispielsweise gemeinsam mit Walker Evans in einer New Yorker Galerie auszustellen, für Harper's Bazaar und Life zu photographieren, "Magnum", die berühmteste aller Photoagenturen, mitzubegründen und seine Eindrücke von Amerika in Hunderten von Aufnahmen zu Papier zu bringen.
Gilles Mora, Herausgeber der Cahiers de la Photographie, stellte aus der Fülle des Materials diese Auswahl von Photonotizen aus den Jahren 1935 bis 1975 zusammen und verfaßte den begleitenden Text.
Arthur Miller, der große amerikanische Dramatiker und ein langjähriger Freund des Photographen, schreibt in seinem Vortrag: "Der Augenblick, in dem Cartier-Bresson den Auslöser betätigt ist der Moment, da Hoffnung und Verzweiflung aufeinandertreffen und eine die andere erhellt. Diesem Zusammenprall entspringt das Pathos seiner Bilder. Und was ihn diesen Moment instinktiv erkennen läßt, ist jener beharrliche Glaube, der jeder Kunst irgendwo innewohnt..." [Klappentext]
Henri Cartier-Bresson (HCB, wie er oft genannt wird) war von Amerika fasziniert, seitdem er es 1935 zum ersten Mal betreten hatte - allerdings hatte er sich in dem Jahr nur in New York aufgehalten. 1946 kehrt er wieder, und 1947 unternimmt er mit zuerst mit Truman Capote und später mit John Malcom Brinnin eine Reise durch die USA mit dem Ziel, ein Buch über Amerika zu schreiben. Aber die Aufnahmen verstören den Verleger, weil sie nicht in das optimistische, zukunftsgerichtete Amerika-Bild passen.
Erst 1991 kann das Buch erscheinen und liegt jetzt vor. Die Bildauswahl und wahrscheinlich die Zusammenstellung besorgte großteils auf Gilles Mora. Es sind Aufnahmen aus der Zeit 1935 bis 1975.
Bressons Zugang zu Amerika war der eines Europäers, vielleicht sogar eines Franzosen. Seine Bilder unterscheiden sich merkbar von dem Amerikabild eines Ansel Adams, Paul Strand oder Walker Evans. Ihn interessiert nicht so sehr die Landschaft oder die Weite, sondern die Menschen, die sie bewohnen. Und hier natürlich wiederum mehr die "kleinen" Leute, die Schwarzen, die am Rande der Gesellschaft leben und dem sozialkritischen linksorientierten HCB vor allem ins Auge stechen.
Den Schwerpunkt der 99 Aufnahmen bilder Bilder aus den 1940er- und 1950er-Jahren. Leider, aber vermutlich von HCB gewünscht, beschränken sich die Bildunterschriften aus Aufnahmeort und Jahr, erst zu Schluß gibt es eine Übersicht mit detaillierten Bildunterschriften - etwas unpraktisch, denn wenn auch die Fotografien für sich wirken, ist doch auch der Hintergrund von Interesse.
In vielen Aufnahmen sieht man seine Vorliebe für die Geometrie der Linien, und hin und wieder blitzt Cartiers Neigung zum Surrealismus auf, etwa auf Tafel 30, wenn sich die Fahrbahnen einer Autobahn am Hudson River zu verlieren scheinen.
Fazit: der Querschnitt der Fotografien kann das Amerika-Bild von HCB gut wiedergeben.
Ein Künstler hat einen Weg gefunden, unter Einsatz seiner gesamten geistigen Kultur in belichteten und erhellenden Bildern ein Paradoxon festzuhalten - die wohlhabendste und in vielerlei Hinsicht segenreichste Gesellschaft, die es je gab, die aber zugleich so hart, so brutal gegen sich selbst ist, so voller Vitalität und Hoffnung und doch so nahe tödlicher Verzweiflung. [Arthur Miller, Vorwort]
Henri CARTIER-BRESSON: Henri Cartier-Bresson, Meisterwerke.
125 S
München-Paris-London: Schirmer-Mosel, 2004. ISBN: 3-8296-0149-2
Seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderst hat Henri Cartier-Bresson (1908-2004) immer wieder neue - und nach ihm selten erreichte Maßstäbe gesetzt wenn es darum ging, Photojournalismus und Photokunst miteinander zu verbinden. Sein Name, der untrennbar mit der von ihm mitbegründeten legendären Photoagentur Magnum verbunden ist, wurde zum Gütesiegel einer Bildberichterstattung, der künstlerischer Anspruch und humanes Interesse ebensoviel gelten wie der Informations- oder auch Sensationswert einer Photographie. In unserer Serie Meisterwerke bieten wir diesen handlichen Band mit den berühmtesten HCB-Ikonen aus 50 Jahren an. Der begleitende Text stammt vom Meisters selbst: Es ist seine 1952 verfaßte Definition des entscheidenden Augenblicks, die zur theoretischen Grundlage jedes engagierten Photojournalismus werden sollte. [Verlagstext]
Die 52 Abbildungen (mit Bildunterschrift) stellen einen repräsentativen Querschnitt durch das Werk von HCB dar, sowohl thematisch als auch zeitlich. Die Anordnung folgt keinem sichtbaren Muster und erscheint zufällig. Das Format von ca. 9x14 cm bei Poträtaufnahmen ist ausreichend, dadurch wird das Buch insgesamt sehr handlich. Die Druckqualität ist sehr gut.
Vorangestellt ist der 1952 von Cartier-Bresson verfasste Essay "Der entscheidende Augenblick", der zuerst in der Monografie "The Decisive Moment" auf englisch und im selben Jahr unter dem Titel "Images à la sauvette" auf französisch erschienen ist. Es ist einer der wenigen Texte des Fotografien, in denen er seine Arbeitsweise und seinen Zugang zur Fotografie und Fotoreportage beschreibt.
Fazit: ein handlicher, gut gemachter Überblick über das fotografische Werk von HCB, aufgewertet durch seinen Beitrag über Fotografie.
Ich habe mich hier ein wenig über einen bestimmten Aspekt der Photographie verbreitet, doch es gibt ihrer noch viele andere, angefangen von den industriellen Werbephotos bis zu jenen rührenden Bildchen, die im Geheimfach mancher Brieftaschen vergilben. Ich habe keineswegs die Photographie im allgemeinen definieren wollen.
Clement CHÉROUX: Henri Cartier-Bresson - Der Schnappschuss und sein Meister.
(Henri Cartier-Bresson - Le tir photographique., 2008), 144 S
München-Paris-London: Schirmer-Mosel, 2008. ISBN: 978-3-8296-0377-5
Zum 100. Geburtstag von Henri Cartier-Bresson am 22. August dieses Jahres legt der französische Schriftsteller und Photohistoriker Clément Chéroux eine erste wissenschaftliche und reich bebilderte Biographie dieses Jahrhundertkünstlers vor. Die Lebensgeschichte Henri Cartier-Bressons liest sich wie ein Roman. Der begabte junge Mann, der aus einer wohlhabenden Pariser Industriellenfamilie stammte, studierte zunächst Malerei bei André Lhote, bevor er im Kreis der Surrealisten Zaungast wird, um dann bei Jean Renoir die Anfänge von Film- und Schauspielkunst zu erlernen. Es dauerte nicht lange, bis Henri Cartier-Bresson seine wahre Leidenschaft entdeckt. Sie geht einher mit der Entwicklung einer deutschen Erfindung, der Kleinbildkamera von Leica. In den Händen von Henri Cartier-Bresson entwickelte sich dieser Apparat zu einem magischen Instrument, und fortan sind es Henri Cartier-Bresson und die Leica-Photographie in Symbiose, die gemeinsam die Lichtbildkunst des Jahrhunderts revolutionieren. Mechanisch-technische und geistig-artistische Schnelligkeit haben in den Bildern von Henri Cartier-Bresson zueinander gefunden. Eine Liaison, die Epoche machte, neue, sehr hohe Maßstäbe setzte und trotz vieler Versuche, sie zu kopieren, bis heute einzigartig geblieben ist. [Verlagstext]
Das ist im Prinzip die Taschenbuchausgabe der umfassenden Biografie von Pierre Assouline. Alle Stationen des Lebens von Henri Cartier-Bresson werden beleuchtet, seine Wegbegleiter vorgestellt. Alles natürlich etwas knapp, aber immer ausreichend. Und im Gegensatz zur "großen" Biografie auch noch illustriert, sowohl mit den bekannten Werken von HCB selbst, aber auch mit zahlreichen Bildern aus dem Umfeld.
Fazit: Wer sich einführend, knapp, aber ausreichend über den bedeutenden Fotografen informieren will, ist hier gut bedient.
Die photographische Chronik der letzten Jahre seines Lebens könnte denselben Titel tragen wie die Sammlung der täglichen Notizen Victor Hugos: "Choses vues" (Gesehenes). Mit der Zeit werden die Aufnahmen jedoch seltener.
FONDATION HENRI CARTIER-BRESSON (Hg): Wer sind Sie, Henri Cartier-Bresson?. Das Lebenswerk in 602 Bildern; eine umfassende Retrospektive des Werks von Henri Cartier-Bresson.
(HCB: de qui s'agit-il?, 2003), 427 S
München-Paris-London: Schirmer-Mosel, 2003. ISBN: 3-8296-0068-2
Wer verbirgt sich hinter den legendären Initialen HCB, wer genau ist Henri Cartier-Bresson - dieser Mann, der gegen seinen Willen zum Mythos geworden ist, der die Photographie, und nicht nur den Bildjournalismus des 20. Jahrhunderts mit seinem ganz persönlichen Stil und Ethos geprägt hat, der Form und Inhalt in einer Art und Weise zu verbinden wußte, daß es heute undenkbar scheint, die Welt der Fakten und des Sichtbaren, ob alltäglich oder spektakulär, anders wiederzugeben, als er es ein halbes Jahrhundert lang tat?
Die Frage ist so komplex und vielschichtig wie die Persönlichkeit und das Werk Henri Cartier-Bressons, dessen 95. Geburtstag im Jahr 2003 mit zwei außergewöhnlichen Ereignissen gefeiert wird: mit einer großen Retrospektive in der Bibliothèque nationale de France, Paris, und mit der zur Ausstellung erscheinenden großen Monographie, die wir hier in der deutschen Übersetzung vorlegen. Auf über 400 Seiten, in acht Textbeiträgen von namhaften Autoren - darunter Jean Clair, Peter Galassi und Robert Delpire - und mit mehr als 600 Abbildungen gibt dieses opulente Buch die endgültigen Antworten auf die Frage, um wen es sich bei dem Photographen und Filmemacher, dem Künstler, dem Kosmopoliten und dem Menschen Henri Cartier-Bresson handelt. [Klappentext]
Dieses wohl umfangreichste Werk über Henri Cartier-Bresson beantwortet die Frage im Titel visuell auf jeden Fall. Der Überblick über das fotografische Werk ist kolossal, von allen Reisen und Zeiträumen sind die bekannten und weniger bekannten Aufnahmen vorhanden. Leider folgte die Anordnung der Fotografien nur bedingt erkennbaren Kriterien. So sind seine Bilder aus den USA, der Sowjetunion, China und die Porträtaufnahmen in Gruppen angeordnet, Indien leider nicht, und andere Aufnahmen sind scheinbar willkürlich oder zufällig zusammengefasst. Die Bildunterschriften sind sehr knapp und beinhalten nur Ort und Aufnahmejahr, aus anderen Büchern oder Ausstellungen weiß man, daß hier durchaus mehr an erläuterndem Text vorhanden ist. Cartier-Bresson selbst legte auf Bildunterschriften großen Wert, daß das hier negiert wird, ist enttäuschend.
Weiters gibt es Familien- und Jugendbilder sowie eine vollständig wirkende Sammlung von Porträts des Fotografen, der sich selbst nur selten und ungerne fotografieren ließ. Außerdem enthält der Band zahlreiche Zeichnungen aus der Periode, als Cartier-Bresson von der Kamera zum Zeichstift (natürlich auch Kohle, Kreide, Tusche) wechselte - hier hat er auch zu seinen surrealistischen Wurzel zurückgefunden. Ganz wenige Gemälde aus seiner Jugendzeit sind abgebildet, er hat ja selbst viele davon zerstört.
Die acht Textbeiträge von Philippe Arbaïzar, Jean Clair, Claude Cookman, Robert Delpire, Peter Galassi, Jean-Noël Jeanneney, Jean Leymarie und Serge Toubiana versuchen den theoretischen und fotohistorischen Hintergrund des Meisterfotografen auszuloten. Dabei verstricken sich die Texte von Clair, Delpire, Galassi und Jeanneney zu sehr im Abstrakten und auch in Allgemeinplätzen, um das Wesen der Fotografie Bressons einzufangen zu können. Leymarie widmet sich der Person als Zeichner und seinen Zeichnungen, Toubiana stellt den Filmemacher Bresson inklusive Filmographie vor - man mekrt mit gewissem Erstaunen, an wie vielen Filmen der Fotograf Cartier-Bresson beteiligt war. Arbaïzar bietet einen Überblick über den Prozeß der Werkausstellungen. Sehr interessant ist der Beitrag von Claude Cookman, der sich mit der Frage auseinandersetzt, ob Cartier-Bresson mehr Künstler oder mehr Fotojournalist war (Bresson selbst sah sich in seiner Laufbahn zuerst durchaus als Fotoreporter, reklamierte aber später mehr den Künstler) und kommt zu dem Schluß, das ohne den Fotojournalisten der Künstler nicht dieses umfangreiche Material gehabt hätte, aus dem er für seine Bücher und Ausstellungen schöpfte.
Abgeschlossen wird das Buch durch eine kurze, tabellarische Biografie, eine Bibliografie der Bücher, Ausstellungskataloge, Portfolios, Reportagen in Zeitschriften und Zeitungen (1933-2002), einer Bibliografie von Büchern über Cartier-Bresson und einem Verzeichnis der Foto-Ausstellungen von 1933-2000.
Fazit: im Fototeil unschlagbar umfangreich, im Textteil etwas schwächer, aber insgesamt eine großartige Homage an den Künstler Hneri Cartier-Bresson.
Über mehr als vier Jahrzehnte, von den frühen dreißiger Jahren bis hin zur Mitte der Siebziger, entstand ein photographisches Gesamtwerk, das im zwanzigsten Jahrhundert ohne Beispiel ist. In Frankreich zum Nationalhelden erhoben, von der gesamten Fachpresse zum Maßstab photographischen Schaffens gekürt und von unzählichen Photographen nachgeahmt - Cartier-Bresson hat mit seinen Bildern Millionen von Menschen fasziniert und bereichert. Doch auch vor dem Hintergrund dieser weltweiten Bewunderung bleiben Fragen offen: Was bedeutet sein Werk? Mit welchen Mitteln schuf er es? Wie ging er bei seiner Arbeit vor? Welche Aufnahmen sollten zu seinem Œuvre gezählt werden und welche nicht? (Claude Cookman)

